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Die Gelehrten der Wüste

Marabouts, die heiligen Männer Gambias - von Dr. Ingfried Hobert

GambiaIn Gambia,  einem Land,  in dem sich traditionelle Lebensweisen mit islamischen aber auch westlichen Einflüssen vermischen, werden immer stärker westliche Erklärungsmodelle für Ursachen von Krankheiten transferiert und moderne Behandlungs- und Heilungsmethoden angewandt. Dennoch spielen überlieferte Heilweisen, Behandlungsarten aber auch gesundheits-und glücksbringende Rituale im Landesinnern  weit abseits der Städte nach wie vor eine wichtige Rolle, insbesondere bei der armen Landbevölkerung.


Für deren Gesundheit sind ebenso wie für die „Erfüllung ihrer Wünsche“ die  Marabouts, gelehrte heiligen Männer,  zuständig.  Aus der Weisheit von Generationen schöpfend, geben sie Hilfen in allen Lebenssituationen insbesondere aber medizinischem Beistand. Ein Marabout , ein sog. Qur'an-Gelehrter - führt dazu besondere magische Rituale aus. Dazu gehört nicht selten auch Rituale, wie das Falten von Papieren, die „zufällig“ ausgewählte Sprüche aus dem Koran enthalten. In Leder eingewickelt und mit einem Band am Körper getragen, dienen sie  als Amulett ("Ju Ju"), - zum Schutz vor bösen Geistern, vor Krankheit und Verletzungen. Die Verwendung von solchen Fetischen ist vor allem in Westafrika weit verbreitet. Die Besitzer tragen die Objekte meist bei sich. Es handelt sich auch um kleine Figuren aus Holz, Knochen und Ton oder um "heilige Bündel", die magische Zutaten wie Zähne, Felle und Steine enthalten. Gegenstände, die durch einen aufgelegten Zauber  heilen, schützen und ein glückliches Fortkommen im Leben sichern sollen

Ndour
Vor der kleinen Lehmhütte des Dorfmarabouts in Sami Madina wartet immer Kundschaft. Papa Moussa ist so angesehen, das Kranke viele Stunden Fußmarsch in meist glühender Hitze auf sich nehmen, um von ihm Hilfe zu erbitten. Nicht selten sieht man hier uralte verrostete “ Tata“ Lastwagen halten und Kranke  abladen.  Einer der Kranken, die heute aus einer der östlichsten Provinz Gambias herangefahren werden, ist Ndour.
Der 48-jährige – in Gambia hat er die durchschnittliche Lebenserwartung bereits um mehrere Jahre überschritten – zieht sein linkes Bein seit mehr als 5 Jahren schmerzhaft nach. Dieser Zustand begann ganz plötzlich nach einem sehr lange andauernden Fieber.

Papa Moussa betrachtet  den Kranken lange ohne ein Wort zu sagen. Dann steht er auf und holt einige spezielle Utensilien herbei, darunter  Hühnerfedern, Stahlnadeln und Räucherwerk. Papa Moussa weiß, dass es  bei jedem Ritual von großer Bedeutung ist, den Göttern Opfer zu darzubringen, denn wenn man sie nicht ausreichend huldigt, können sie ihre Hilfe verweigern oder sogar dem Priester Schaden zufügen Dann legt er seine Hand auf die linke Hüfte des Mannes und beginnt einige Gebetsformeln zu murmeln.  .

Anschließend holt er einen vergilbten Koran und deutet Ndour an, das Buch an  einer beliebigen Stelle aufzuschlagen. Alsdann liest Papa Moussa ehrfürchtig die Seite vor, die Ndour aufgeschlagen hat. Einen der Sätze wiederholt er mit ausdrucksvoller Mimik mehrere Male und schreibt ihn anschließend auf ein Blatt Papier, welches er immer wieder zusammenfaltet bis es nur noch wenige Zentimeter groß ist und die Form eines flachen Würfels hat. Dann ruft er seinen Gehilfen herbei und übergibt ihm das Papier. Dieser näht es mit einigen flinken Stichen in ein kleines Stück Leder, an dessen Enden ein Strick befestigt ist, ein.
Ndour soll es sich als Ju-Ju, als Talismann, an den Oberarm binden und von nun an nicht mehr abnehmen, da es ihm Gesundheit, Kraft und Schutz vor bösen Geistern geben wird.
Dankbar und mit strahlenden Augen verlässt Ndour die Hütte, fest überzeugt davon, dass er nun zügig von seinen Schmerzen befreit werden wird.

Jawara
Jawara, 25 Jahre alt, leidet seit mehreren Wochen an unerträglichen Kopfschmerzen. Er sucht Papa Moussa auf, um sich Hilfe von ihm zu erbeten. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er große Sorgen  hat, da er keine Arbeit findet und seine drei Kinder nicht ernähren kann. Neben Ängsten quält ihn auch Schlaflosigkeit nachts und Müdigkeit tagsüber.
Papa Moussa lässt ihn zunächst rund um die Hütte Sand auflesen. Diesen muss er dann in eine Schale mit Wasser werfen. Nachdem der Sand den Boden erreicht hat, wird das Wasser vorsichtig ausgegossen. Zurück bleibt ein „Bodensatz“, den Papa Moussa interessiert und zugleich vielsagend betrachtet, während er sich einen großen Tonkrug mit Brunnenwasser bringen lässt. Diesen umfasst er mit beiden Händen und beginnt das Wasser mit zahlreichen Gebeten zu „besingen“. Dann weist er Jawara an, das so „geweihte Wasser“ Schluck um Schluck zu trinken. Nun deutet er Jawara an, ihm mit dem leeren Tonkrug zu folgen. Gemeinsam gehen beide durch die trockene Hitze zum Dorfplatz. Dort in der Mitte des Ortes befiehlt er Jawara, den Krug auf den Boden zu werfen, sich dann umzudrehen und ohne einen Blick zurück auf die Scherben zu werfen, ihm wieder zu folgen. Jawara wirft den Krug voller Wucht zu Boden, so dass er in Scherben zerbricht. Ohne den Blick zurück zu wenden, folgt er Papa Moussa zurück zur Hütte. Hier bekommt nun er einen Vogelkäscher  mit dem Auftrag einen Vogel in der Oase zu fangen, in die Hand gedrückt. Als er wenig später tatsächlich mit einem gefangenen Vogel zurückkehrt, nimmt Papa Moussa diesen vorsichtig in die Hand und flüstert  dem kleinen Vogel etwas ins Ohr.
Daraufhin bittet er Jawara, dem Vogel seinen größten Wunsch ebenfalls in dessen Ohr zu flüstern und ihn dann mit seinem Segen fortfliegen zu  lassen, was dieser tut. Zufrieden und mit dem Wissen, dass er nun von alten Lasten gereinigt ist und eine neue frohe Zukunft vor ihm liegt, verlässt der Patient heiter und frohen Mutes das Dorf.

Fazit:
Magische Amulette,  Ju-Ju`s und Zaubersäckchen haben weltweit eine lange Tradition und wer eines besitzt, kann sich glücklich schätzen: Nichts beinhaltet mehr Kraft als so ein mit kraftvoller Energie aufgeladener und mit magischen Kräutern oder Gegenständen gefüllter Amulettbeutel.  Solch ein Ju-Ju darf nur von einem Menschen hergestellt werden, der über uraltes Wissen und lange erprobte Fähigkeiten verfügt, damit er auch wirklich positive Kräfte für die jeweiligen Besitzer entfalten kann, davon ist jeder Gambianer fest überzeugt. Genauso verhält es sich mit rituellen Handlungen deren suggestive Botschaften in der Lage sind, das Vertrauen des Patienten in den Heilungsprozeß ebenso zu stärken wie auch seinen Glauben an den positiven Ausgang seiner anstehenden Probleme und die Zuversicht und feste Gewissheit, das das Beste noch kommt…