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Krisen als Chance
von Ruediger Dahlke

Die Welt im Um- und hoffentlich im Aufbruch zu neuen Ufern - Deutschland in einem besonderen Frühling.
Der Bundespräsident, von Frau Merkel und ihrem Westerwelle seinerzeit gleichsam als Vorgeschmack auf die heutige Zusammenarbeit aus dem Hut gezaubert, hat sich von Kritik so beeindrucken lassen, dass er frühzeitig das Handtuch warf. Der chinesischen Weisheit folgend, „sag die Wahrheit und besorge Dir ein schnelles Pferd“, machte er sich aus dem Staub und ließ die Republik in selbigem sitzen.
Immerhin hatte er für eine Notlösung beeindruckend agiert und zum Beispiel die Finanzmärkte bei ihrem richtigen Namen genannt: „Monster“. War es wirklich ein beleidigter Rücktritt, hätte sich der weibliche Archetyp des Mondes durchgesetzt. Dieses Urprinzip ist von Stimmungen und Rhythmen bestimmt und zieht sich – wenn es in einem Menschen die Oberhand bekommt - rasch ins eigene Schneckenhaus zurück. Damit hätte Horst Köhler – auf archetypisch weibliche Art - den Weg für eine faszinierend weibliche Lösung frei gemacht. Damals, als er von Frau Merkel gecastet wurde, hatten schon viele auf eine Frau gehofft. Aber da war sie noch nicht Kanzlerin und konnte solch einer Lösung nicht zustimmen, ohne ihre eigenen Chancen aufs Kanzleramt zu schmälern. Denn – vor der Finanzkrise - war Deutschland noch längst nicht reif für zwei Frauen an der Spitze. Aber jetzt ergibt sich plötzlich diese Option, mit der Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die viel mehr als eine Notlösung sein könnte – vielleicht wäre sie sogar die Lösung in der Not und für dieselbe.
In der wohl schwersten, weil grundsätzlichsten Krise seit dem Krieg könnten plötzlich zwei Frauen an der Spitze des einflussreichsten europäischen Staates stehen, mit der Aufgabe, den von Männern in den Dreck
gefahrenen Karren wieder heraus zu ziehen. Gäbe es die österreichische Version einer Präsidentenwahl durchs Volk, wäre es bestimmt so weit.
Soweit Frau Merkels Bereitschaft und der Stand am Donnerstag. Am Freitag morgen aber haben sich bereits wieder konservativ männliche Seilschaften einer so weiblichen Lösung widersetzt. Es kommt ein männlicher Präsident, der nicht mal konsensfähig ist, von der Opposition schon von vornherein als einer verunglimpft, der genau jenes archetypisch männliche Wirtschaftsdenken repräsentiert, das in die Krise geführt hat. Obendrein hat er – im Gegensatz zu Vorgängern noch nichts geleistet, wofür man zu
ihm aufschauen könnte.
Da hätte eine beeindruckende Frau mit viel Synergie und wohl auch Respekt von Seiten des politischen Gegners Deutschlands 1. Präsidentin werden und dem 1. Präsidenten folgen können, der solcherart zurücktretend einer Frau Platz gemacht hätte, nachdem er ursprüngliche eine verhindern musste.
Der archetypisch männliche Pol hat uns und diese Welt an den Rand der Katastrophe gebracht. Männliche Politiker, die Machterhalt über das Wohl von Land, Leuten und Welt stellten, markieren den Weg an den Rand des Abgrundes.
Eine berühmte Episode zwischen Kanzler Adenauer und Wirtschaftsminister Erhardt zeigt das „wie“. Erhardt widersprach damals seinem Kanzler und sagte, das Beschlossene müsse daneben gehen. Adenauer fragte: wann? Erhardt: in 20 bis 30 Jahren. Darauf Adenauer: Dann machen wir es!
George Bernhardt Shaw hat davor gewarnt, alten Leuten zu folgen, weil sie keine Angst vor der Zukunft hätten. Es gab noch eine schlimmere Option: alten Männern zu folgen und genau das geschah überall auf der Welt. Das ist das Muster, das den Weg in die Katastrophen vorzeichnet, gleichgültig ob wir Umwelt-, Ernährungs- oder Finanz-Katastrophe nehmen.
Da wären zwei Frauen, eine als Gallionsfigur und eine als Käptn, jedenfalls einmal eine ganz neue und – wie ich finde – vielversprechende Lösung gewesen, zumal die eine auch noch viele Kinder gehabt hätte und
insofern sicherlich Respekt vor der(en) Zukunft. Selbst George Bernhard Shaw wäre es zufrieden gewesen.
So aber ist die Republik fast in derselben Situation wie die katholische Kirche, die es so schwer mit ihrer tiefen Krise hat, die ebenfalls von alten Männern angerichtet, nun von diesen auch wieder gerichtet werden soll. Aber die alten Kirchen-Männer werden mit ihrer eigenen Geschichte nicht fertig, sondern ständig von ihr eingeholt. Dabei hat sie gerade einmal die Spitze des Eisbergs eingeholt. Irgendwann kommt – so sicher wie das Amen in derselben Kirche - noch die Inquisition dazu, jene noch immer unvorstellbare Blutorgie, die unverarbeitet im Abgrund lauert.

Rilke sagte einmal, wenn die Sehnsucht größer sei als die Angst, würde der Mut geboren. Ich hatte gehofft, dass es in Deutschland soweit sei und zwei Frauen couragiert – also mit Wut im Herzen – den Karren anpacken und anschieben, damit die Stimmung wieder steigt und Land und Leute eine Chance bekommen.
Die Zeichen standen gut und schon länger auf „weiblich“, hatte doch Lena, die neue Kultfigur im Showbiz gerade erst frank, frei und frech die musikalische Eurovisions-Songcontest-Krone nach Deutschland geholt. Sie nahm es – sehr sympathisch – selbst nicht so wichtig, dabei ist es wichtig. Es sind die Stimmungen und Ahnungen, die weiblichen Seite der seelischen Wirklichkeit, die unser Leben und Lebensglück bestimmen.
Tatsächlich hat Italien mehr Schulden als Griechenland, aber die bessere Stimmung und so ist es viel weniger im Gerede. Mann traut ihm noch etwas zu und leiht ihm weiter Geld.
Trauen wir uns doch auch einfach wieder etwas zu und fangen wieder an: weniges ist so schlimm wie die Angst davor.