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Die Fahne hoch

Anmerkungen eines Historiker zum Public Flagging - von S.F. Heidtmann

Unbestritten – beim sommersonnigen Public Viewing und beim Beflaggen des mit so vielen Mythen aufgeladenen Privatautos, den beiden offensichtlichsten öffentlichen Instrumentalisierungen der derzeit laufenden FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft, geht es nicht um Nationalismus. Es geht aber auch nicht um der Deutschen liebste Sportart. Es geht um das Gemeinschaftsgefühl. Doch tragisch ist er, dieser Versuch, sich als Teil eines größeren
Ganzen zu fühlen.
Tragisch ist er und ärgerlich ist es, weil das Gemeinschaftsgefühl ausgerechnet dort gesucht wird, wo es nun wirklich überwunden sein sollte – in der Nation. Der Begriff und das Gefühl Nation entstanden im Zuge der Französischen Revolution, als der König endgültig als gemeinschaftsstiftendes Subjekt ausfiel, als Zentralismus logische Vernunft, Föderalismus hingegen gefährliche Reaktion auszudrücken schien. Vaterlandsliebe ersetzte die Untertanentreue als Kitt zwischen Herrschenden und Beherrschten. Maße und Gewichte wurden wie Traditionen und Eigentümlichkeiten vereinheitlicht, sprich nationalisiert. In den Revolutionsheeren zeigte sich die enorme Sprengkraft der neuen Ideologie von Emanzipation und Patriotismus – ganz Europa musste sich gegen Napoleons
Frankreich verbünden, indem die Fürsten auch ihre Untertanen die siamesischen Zwillinge Vaterlandsliebe und Fremdenfeindlichkeit zu Führern wählen ließ. Germania forderte folglich nach Heinrich Kleist ihre Kinder dazu auf, den Rhein mit den Leichen der Franzosen zu dämmen: „Eine Lustjagd, wie wenn Schützen / Auf die Spur dem Wolfe sitzen! / Schlagt ihn tot! Das Weltgericht / Fragt euch nach den Gründen nicht!“ In der Folge der Umwälzungen gelang es sogar, in Frankreich und überall, die Adelsherrschaft, nun erweitert um die Großbourgeoisie, erstaunlicherweise an der Macht zu erhalten.
Der Patriotismus wurde nicht wieder in der Büchse der Pandora verschlossen, wozu denn auch, wenn mit ihm der Staat eine so gänzlich unerwartete Machterweiterung nach innen und nach außen erfuhr. Das manches Mal wörtlich verstandene Totschlagargument „Vaterlandsverräter“ und Institutionen wie „Volksheer“ und „Heimatfront“ konnten erst in Nationen gedacht werden. Nationen, die sich definierten, indem sie Unterschiede zu ihren Nachbarn betonten, indem sie Anderssprachige aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen. Einem König war die Sprache seiner Untertanen egal, einer Nation ist sie das nicht (was bis heute gilt). Und unbedingt brauchte das neu gebildete Staatsvolk eine Nationalgeschichte – um sich überhaupt definieren zu können. Daher das Wort des Politikwissenschaftlers Karl W. Deutsch: „Eine Nation ist eine Personengruppe, die mittels eines gemeinsamen Irrtums über ihre Vorfahren und eine gemeinsame
Aversion gegen ihre Nachbarn geeint wird.“ Wenn Guido Knopp die Geschichte der Deutschen als eine alternativlose Großgeschichte vom Mittelalter hin zur Wiedervereinigung Deutschlands „in Freiheit und Gleichheit“ erzählt, bedient er diese Staatsnotwendigkeit. Und erinnert zugleich fatal an Francis Fukuyamas Behauptung vom Ende der Geschichte mit der Überwindung des real existierenden Totalitarismus in den 1990er Jahren.
Der so genannte Partypatriotismus, der nicht anderes widerspiegelt als die verzweifelte Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die im ungehemmten Kapitalismus per definitionem nicht mehr existieren kann, stärkt ein hoffnungslos gestriges Konzept. Das ist seine Tragik in den Augen eines Historikers.
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